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«End of Summer Sadness»: Psychologe erklärt das Gefühl


Bild: Sebastian Gollnow/dpa/dpa-tmn

Der Himmel trüb, die Ferien vorbei - und sowieso geht die Sonne demnächst wieder vor acht Uhr abends unter. Kein Wunder, dass auch die Laune bei vielen Menschen Ende August, Anfang September sinkt. «End of Summer Sadness» heißt das oft bei Instagram und Tiktok, wo viele nochmal ein paar Sommer-Higlights posten oder gedankenvoll aufs Meer blicken. 

Mit schönen Erinnerungen vermischt sich vielleicht auch der Gedanke, den Sommer nicht «richtig» ausgenutzt zu haben - dass man nicht öfter zum See gegangen oder nicht weggefahren ist.

Es ist «eine Mischung aus Dankbarkeit und Verlustgefühl – der Sommer hat leise die Koffer gepackt», und es ist ganz normal, sagt Dirk Stemper, Psychologe und Psychotherapeut in Berlin: Es «signalisiert einen Rhythmuswechsel – keine Störung, sondern einen Übergang». Er erklärt, warum das so ist - und er hat Tipps, wie wir diesen Übergang gut gestalten:

Warum haben wir dieses diffuse Trauer- und Wehmutsgefühl Ende August?

Neurobiologisch: Weniger Tageslicht verschiebt die innere Uhr Hautzeitgeber des Gehirns im suprachiasmatischen Nukleus (SCN) und beeinflusst Serotonin- und Dopamin-Systeme – Stimmung, Antrieb und Schlaf geraten leichter aus dem Takt. Aktuelle wissenschaftliche Arbeiten zeigen, dass menschliche Rhythmen weiterhin auf Jahreszeiten reagieren, trotz Kunstlicht und Büroalltag. 

Psychologisch: Das Sommerende markiert einen Rahmen- und Rhythmuswechsel: Freiheit, Außenkontakte, Lichtfülle – all das geht zurück. Die Psyche bewertet den Übergang mit Wehmut.

Sollte man dieses Gefühl wegdrücken oder positiv kanalisieren?

Wegdrücken verstärkt Rebound-Stress. Sinnvoller ist es, die Wehmut zuzulassen. Sie gehört zum Jahreszeitenwechsel in unseren Breiten - darum gibt es auch so viele Volkslieder und Gedichte, die den Abschied vom Sommer, mit seinem Licht und seiner Wärme, und die Wehmut vor dem lichtlosen, kalten Winter, mit kurzen Tagen und beengtem Leben beschreiben.

Was dort außerdem mitschwingt, ist die Umdeutung der Betrübnis über die erinnerte Sommerseligkeit in eine über unsere unentrinnbare Vergänglichkeitserfahrung. 

Sinnvoller als Wegdrücken ist: die Wehmut zulassen, rahmen, steuern – also Gefühle benennen, Bedeutung geben und den Alltag gezielt strukturieren. Diese Haltung erhöht die Bewältigungskompetenz und senkt sekundären Stress. 

Was können wir konkret tun, damit der Übergang leichter ist?

«Morgens Licht, tagsüber Bewegung, abends Ruhe – dieser Dreiklang stabilisiert.» 

Dirk Stemper empfiehlt fünf evidenzbasierte Strategien für einen guten Übergang, die aus der Forschung zum Seasonal Affective Disorder (SAD) kommen:

1. Licht am Morgen priorisieren

Direkt nach dem Aufstehen 20–30 Minuten helles Tageslicht, idealerweise draußen; bei Bedarf medizinisch geprüfte Lichtbox (10.000 Lux, UV-arm) – am besten morgens, Blick leicht seitlich. 

2. Schlaf-Rhythmus stabilisieren

Feste Zubettgeh- und Aufstehzeiten, abends Displays dimmen, tagsüber kurze Aktiv-Inseln. Der gleichmäßige Takt glättet Stimmungsschwankungen. 

3. Behavioral Activation verankern

Drei Anker pro Woche: Ausdauerbewegung, Naturkontakt, soziale Verabredung – fix im Kalender, unabhängig von aktueller Laune. Das aktiviert antidepressive Mechanismen. 

4. Kognitive Mini-Übungen

Gedanken-Stopp und Reframing in zwei Sätzen: «Übergang ist kein Verlust. Ich achte heute auf Licht, Bewegung, Kontakt.» Kurze, klare Selbstinstruktionen reduzieren Grübelschleifen. 

5. Achtsamkeit

Alltagswege «achtsam gehen» (Sinne fokussieren, Atem zählen) und mit einer kleinen Tätigkeit koppeln (zum Beispiel ein 10-Minuten-Walk nach dem Mittag). Das stärkt Akzeptanz und Präsenz.

«So wird die "End-of-Summer-Sadness" kein Fall für den Therapeuten, sondern eine menschliche Erfahrung – eine Erinnerung daran, dass dieser Abschied eine Quelle von Schönheit ist.»

Was, wenn die Traurigkeit trotzdem bleibt?

Wichtig: Bei anhaltender Niedergeschlagenheit, ausgeprägten Schlaf-/Appetitveränderungen oder Funktionsverlust empfiehlt sich immer fachliche Abklärung, dazu rät auch Dirk Stremper. Etwa bei Hausarzt oder- ärztin oder approbierten Psychotherapeuten, die dann weiterhelfen. Lichttherapie und Kongnitiv-Behaviorale Therapie zeigen gute Wirksamkeit.


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(29.08.2025)